Reichstagsgebäude

Erster Sitz eines Reichstages in Berlin war das Preußische Herrenhaus in der Leipziger Straße 3. Hier tagte ab 1867 der Reichstag des von Preußen dominierten Norddeutschen Bundes. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 kamen die Abgeordneten der süddeutschen Staaten hinzu, so dass ein größerer Tagungsort benötigt wurde. Diesen fand man zunächst im Preußischen Abgeordnetenhaus in der Leipziger Straße 75. Sehr bald wurde deutlich, dass auch hier der Platz nicht ausreichte. Der Reichstag verabschiedete am 19. April 1871 einen Antrag, in dem es hieß: „Die Errichtung eines den Aufgaben des deutschen Reichstags entsprechenden und der Vertretung des deutschen Volkes würdigen Parlamentshauses ist ein dringendes Bedürfnis.“ Ein anderer, mit Blick auf den kurz zuvor errungenen Sieg über Frankreich und die Reichsgründung stark nationalistisch formulierter Antrag für den Neubau fand keine Mehrheit.

Die Probleme begannen mit der Wahl eines passenden Grundstücks für den Neubau. Nach kurzer Suche bestimmte die Kommission einen Bauplatz auf der Ostseite des Königsplatzes (heute: Platz der Republik). Allerdings stand dort noch das Palais des polnischen Grafen Athanasius Raczynski, eines preußischen Diplomaten und Kunstsammlers. Die Kommissionsmitglieder glaubten jedoch, mit der Unterstützung des Kaisers und damit letztlich auch mit der Zustimmung des Grafen rechnen zu können, und schrieben einen internationalen Wettbewerb für dieses Grundstück aus.

Den Wettbewerb, an dem über hundert Architekten teilnahmen, entschied im Juni 1872 Ludwig Bohnstedt aus Gotha für sich. Sein Entwurf fand große öffentliche Zustimmung, konnte aber nicht realisiert werden. Graf Raczynski weigerte sich entschieden, sein Grundstück zur Verfügung zu stellen, und Wilhelm I. zeigte wenig Neigung, ein Enteignungsverfahren zu betreiben, obwohl auch er den Standort passend fand. Nach und nach verständigte sich die Kommission auf einen alternativen Standort an der Westseite des Königsplatzes. Bismarck, Wilhelm I. und die konservativen Abgeordneten lehnten diesen Bauplatz allerdings vehement ab, da der Reichstag damit in das Regierungszentrum Berlins und die Nähe des Stadtschlosses rückte, was eine politischen Aufwertung des Parlamentes bedeutete. Letztlich setzte sich der Reichstag 1881 durch.

Im Februar 1882 wurde dann aber ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben, zu dem diesmal nur Architekten „deutscher Zunge“ zugelassen waren – eine Forderung des Verbandes deutscher Architekten- und Ingenieurvereine. Hohe Preisgelder luden zur Teilnahme ein. Auch Bohnstedt beteiligte sich wieder, blieb aber chancenlos. Aus 189 anonym eingelieferten Einsendungen gingen die Entwürfe von Paul Wallot aus Frankfurt am Main und Friedrich von Thiersch aus München als Sieger hervor; beide erhielten erste Preise. Da aber Wallot eindeutig mehr Stimmen auf seiner Seite hatte – nämlich 19 von 21 – bekam er den begehrten Auftrag.

Grundrissplan Obergeschoss.

Am 9. Juni 1884 konnte der Grundstein gelegt werden. Viel Militär und nur wenige Parlamentarier nahmen an der verregneten Zeremonie teil. Drei Hohenzollern hatten die Hauptrollen: Kaiser Wilhelm I. sowie sein Sohn und sein Enkel – die späteren Kaiser Friedrich III. und Wilhelm II. Beim Hammerschlag Wilhelms I. zersprang das symbolische Werkzeug.

Während der Bauarbeiten entwickelte sich die Kuppel zum besonderen Problem. Durch verschiedene Einsprüche war Wallot gezwungen worden, sie von ihrer zentralen Position über dem Plenarsaal zur westlichen Eingangshalle zu verlegen. Nach diesem Plan wurde das Bauwerk nun von der Berliner Steinmetzfirma Zeidler & Wimmel errichtet. Je weiter der Bau vorankam, desto mehr kam der Architekt zu der Überzeugung, dass die erzwungene Änderung rückgängig gemacht werden müsse. In zähen Verhandlungen erreichte er die Zustimmung dafür. Inzwischen waren die tragenden Wände um das Plenum aber schon errichtet – zu schwach für die geplante steinerne Kuppel, wie alle Berechnungen ergaben. Erst der Bauingenieur Hermann Zimmermann, 1889 mit der Aufgabe betraut, fand eine Lösung. Er reduzierte die Kuppelhöhe von 85 m auf knapp 75 m und schlug eine relativ leichte, technisch anspruchsvolle Konstruktion aus Stahl und Glas vor. Die so auf Umwegen entstandene Kuppel versorgte den Plenarsaal mit natürlichem Licht und gab dem Parlamentsgebäude den gewünschten würdigen Abschluss, darüber hinaus galt sie als Wahrzeichen für die Leistungsfähigkeit deutscher Ingenieure.

Am 5. Dezember 1894 wurde der Schlussstein gelegt. Wieder war es eine vorwiegend militärische Veranstaltung. Wallot führte den Kaiser und die Kaiserin durch das Gebäude, Wilhelm II. ließ öffentlich nur anerkennende Worte hören. In seiner Thronrede zur Reichstagseröffnung sagte der Kaiser: „Möge Gottes Segen auf dem Hause ruhen, möge die Größe und Wohlfahrt des Reiches das Ziel sein, das alle zur Arbeit in seinem Räumen Berufenen in selbstverleugnender Treue anstreben!“ Die Baukosten betrugen 24 Millionen Mark. Sie wurden aus den Reparationen beglichen, die Frankreich nach dem verlorenen Krieg von 1870/1871 zu zahlen hatte.

Der Sitzungssaal des Reichstagsgebäudes um 1894, gezeichnet von Willy Stöwer

In der Nacht zum 28. Februar 1933, vier Wochen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, schlugen Flammen aus der Kuppel des Reichstagsgebäudes. Der Plenarsaal und einige umliegende Räume brannten aus. Es handelte sich eindeutig um Brandstiftung, die Schuldfrage ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Die Nationalsozialisten waren Nutznießer des Brandes. Noch in derselben Nacht gingen sie mit massivem Terror gegen politische Gegner vor. Sie veranlassten den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, am folgenden Tag die so genannte Reichstagsbrandverordnung „zum Schutz von Volk und Staat“ zu unterzeichnen. Paragraf 1 setzte die wesentlichen Grundrechte zeitweilig außer Kraft, Paragraf 5 ermöglichte die Todesstrafe für das politische Delikt „Hochverrat“.

Im Zweiten Weltkrieg mauerte man die Fenster zu. Die AEG produzierte hier Funkröhren, ein Lazarett wurde eingerichtet und die gynäkologische Station der nahe gelegenen Charité hierher verlegt – einige Hundert Berliner wurden im Reichstagsgebäude geboren.

Der Reichstag nach alliierter Bombardierung, 1945

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand das zuletzt heftig umkämpfte Reichstagsgebäude als Teilruine in einer von Trümmern geprägten Umgebung. Die Freiflächen ringsherum dienten der hungernden Bevölkerung als Parzellen für den Anbau von Kartoffeln und Gemüse. Am 22. November 1954 wurde die Kuppel gesprengt – wegen angeblicher statischer Unsicherheit und um das beschädigte Gebäude zu entlasten. Diese Begründung wird in kritischen Texten als „fragwürdig“ bezeichnet. In den folgenden Jahren beschränkte sich die neu gegründete Bundesbauverwaltung darauf, das Bauwerk zu sichern. 1955 beschloss der Bundestag die völlige Wiederherstellung. Allerdings war die Art der Nutzung im geteilten Deutschland noch ungewiss. Der Architekt Paul Baumgarten erhielt 1961 als Gewinner eines zulassungsbeschränkten Wettbewerbs den Auftrag für Planung und Leitung des Wiederaufbaus, der 1973 beendet war. Zahlreiche Schmuckelemente der Fassade fielen weg, die Ecktürme wurden in der Höhe reduziert, auf eine neue Kuppel verzichtete man. Im Inneren verschwanden große Teile der alten Bausubstanz hinter Abdeckplatten, neue Zwischengeschosse vergrößerten die Nutzfläche und veränderten dabei weitgehend die ursprüngliche Raumstruktur. Der Plenarsaal wurde gut doppelt so groß und hätte alle Abgeordneten eines wiedervereinigten Deutschland mühelos aufnehmen können. Seit dem Viermächte-Abkommen von 1971 durften keine Plenarsitzungen des Bundestages in Berlin abgehalten werden. Nur Ausschuss- oder Fraktionssitzungen waren in den neu eingerichteten Räumen möglich.

Während der deutschen Teilung von 1961 bis 1989 verlief die Berliner Mauer unmittelbar an der Ostseite des Reichstagsgebäudes. Im Gebäude war ein Museum über den Bundestag und die Geschichte des Reichstagsgebäudes eingerichtet. Für ausländische Staatsgäste gehörte der Besuch der Außenterrassen mit Blick über die Berliner Mauer gewissermaßen zum Pflichtprogramm. Seit 1971 wurde im Gebäude die Ausstellung „Fragen an die Deutsche Geschichte“ gezeigt und von mehreren Millionen Interessenten besucht.

Nach der Deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 beschloss der gesamtdeutsche Bundestag am Ende einer intensiven, kontrovers geführten Debatte den Umzug von Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin und damit die Verlegung des Bundestages in das Reichstagsgebäude. Auch in dem neuen Entwurf hatte Foster für das Dach des Reichstags keine Kuppel vorgesehen. In seinen Erläuterungen distanzierte er sich sogar ausdrücklich von jeder Erhebung auf dem Dach, die „aus rein symbolischen Gründen“ gebaut würde; weder einen Schirm (ähnlich dem ursprünglichen Entwurf) noch eine Kuppel könne er empfehlen. Diese Position ließ sich nicht halten. In den Jahren 1994/95 mussten auf Druck der politischen Entscheidungsträger die Vorschläge für die Gestaltung des Daches mehrfach überarbeitet werden. Am 8. Mai 1995 wurde Fosters endgültiger Entwurf für eine gläserne, begehbare Kuppel vorgestellt, dem die Abgeordneten zustimmten.

Die nachträglich konzipierte Kuppel hat sich zur vielbesuchten Attraktion und zu einem Wahrzeichen Berlins entwickelt. Besucher können das Gebäude durch das Westportal betreten. Nach einer Sicherheitskontrolle gelangen sie mit zwei Aufzügen zunächst auf das 24 Meter hoch gelegene, begehbare Dach (im hinteren Bereich der Dachterrasse befindet sich das kleine Restaurant „Käfer“). Die dort aufgelagerte Kuppel misst 38 Meter im Durchmesser, hat eine Höhe von 23,5 Meter und wiegt 1200 Tonnen. Ihr Stahlskelett besteht aus 24 senkrechten Rippen im Abstand von 15 Grad und 17 waagerechten Ringen mit einem Abstand von 1,65 Meter, verkleidet mit 3000 m² Glas. An der Innenseite winden sich zwei um 180 Grad versetzte spiralförmige, ungefähr 1,8 Meter breite Rampen von jeweils 230 Meter Länge hinauf zu einer Aussichtsplattform 40 Meter über Bodenniveau – beziehungsweise wieder hinunter zur Dachterrasse. Die Scheitelhöhe der Kuppel liegt bei 47 Meter über dem Boden – deutlich niedriger als bei Paul Wallot. Täglich werden im Durchschnitt 8000 Besucher gezählt.

Das Inner der Reichstagskuppel.