Rudolf - Wilde - Platz

Die Gemeinde Schöneberg unter Bürgermeister Adolf Feurig ließ ihr erstes Rathaus 1874 an der Bahnstraße (seit 13. Juni 1893 Kaiser-Wilhelm-Platz) als Amtshaus mit angeschlossenem Gefängnis errichten. In den Jahren zuvor befand sich das Gemeindebüro in der Wohnung des Dorfschulzen. Das Baugrundstück, von einem Mitglied der Gemeindeversammlung abgekauft, lag neben der 1837 eingerichteten Dorfschule.

Dem Bau des neuen Rathauses der Stadt Schöneberg ging eine mehrjährige Finanzierungs- und Planungsphase voraus. Die erste Planung, vom ersten Schöneberger Oberbürgermeister Rudolph Wilde in Auftrag gegeben, stammte von Stadtbaurat Paul Egeling. Die Entwürfe wurden aber von der Stadtverordnetenversammlung wegen der veranschlagten Baukosten von 4,2 Millionen Mark im Mai 1909 verworfen. Der vorgesehene Baubeginn im Jahr 1906 verschob sich jedoch, weil die auf dem Rosenkessel'schen Grundstück bestehenden Einrichtungen wie das Armenhaus, die Desinfektionsanstalt, die Stadtgärtnerei und das Depot der Straßenreinigung an andere Standorte zu verlegen waren.

Ein Wandrelief des Bildhauers Hugo Lederer im Erdgeschossbereich an der Fassade zur Freiherr-vom-Stein-Straße weist auf den Namensgeber der Straße hin. Ursprünglich handelte es sich um ein Denkmal, das gleichzeitig mit dem Rathaus im April 1914 enthüllt werden sollte. Es fiel aber bereits im Sommer desselben Jahres einer Verkehrsregulierug der Freiherr-vom-Stein-Straße zum Opfer und wurde als Wandrelief am Rathaus umgestaltet. Ein Risalit ebenfalls an dieser Fassade bildet die bürgerlichen Tugenden Sorge für das Gemeinwohl, Klugheit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit ab. In Richtung Badensche Straße befand sich ein ähnlicher Risalit, der jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Im Inneren des Hauptflügels befindet sich die über zwei Stockwerke reichende 63 Meter breite Eingangshalle mit einer umlaufenden Galerie, über die die repräsentativen Räumlichkeiten – wie beispielsweise das Arbeitszimmer des Bürgermeisters – zu erreichen sind. Die Eingangshalle, auch „Vestibül“ genannt, ist mit teilglasierten figuralen und ornamentalen Terrakotten ausgekleidet. Diese Baukeramiken wurden von dem Architekten und Baukeramiker John Martens entworfen und unter seiner Leitung von der Großherzoglichen Majolika-Manufaktur in Karlsruhe gefertigt.

Das zweite Geschoss erhält durch übergroße Fenster viel Tageslicht. Hier befinden sich vor allem Sitzungssäle wie der Willy-Brandt-Saal (bis 1998 Bürgersaal). Nachdem er als Sitzungssaal komplett umgestaltet wurde, erfolgte nach dem Auszug des Abgeordnetenhauses ein weiterer Umbau zu einem „multifunktionellen Veranstaltungsort“. Des Weiteren befinden sich in der zweiten Etage der holzgetäfelte Alt-Schöneberger Saal und der Bezirksverordnetensitzungssaal. Vor den drei Sälen liegt die Brandenburghalle, eine Wandelhalle mit einem Boden aus Solnhofener Mamor (heute unter Teppichboden verborgen). Die Wandmalereien, großformatige Fresken aus der Schule des Berliner Landschaftsmalers Eugen Bracht, sind typische bürgerliche Auftragswerke der Entstehungszeit des Rathauses, die Motive aus der Mark Brandenburg zeigen.

Der Rathausturm wurde nach Plänen des Architekten Kurt Dübbers vereinfacht wiederhergestellt. Hier war beim Wiederaufbau besondere Eile angesagt, da der Turm rechtzeitig zum Eintreffen der Freiheitsglocke wieder instandgesetzt werden sollte. Auf dem Turm befand sich vor dem Krieg eine weitere Ebene, die von einem geschwungenen und aus Kupfer bestehenden Spitzdach bedeckt wurde. Die Höhe des Gebäudeteils verringerte sich um elf Meter, die ehemalige Turmhaube wurde durch eine offene Pfeilerhalle ersetzt.

Im Rathaus-Turm befindet sich die Freiheitsglocke, die von gesammelten Spenden der US-amerikanischen Zivilbevölkerung für die Berliner gestiftet wurde und jeden Mittag um zwölf Uhr läutet. Der Radiosender RIAS übertrug das Schlagen der Freiheitsglocke an jedem Sonntag. Das Nachfolgeprogramm Deutschlandradio Kultur setzt diese Tradition fort.

Ein großer Moment für Berlin und die Demokratie: General Lucius D. Clay (li.) mit der von den USA gestifteten "Freedom Bell" vor ihrem Abtransport nach Berlin 1950. 16 Millionen Amerikaner hatten während einer Tour der Glocke durch die USA Spenden gegeben.

Kein einfaches Unterfangen: Die Glocke ist wesentlich größer und schwerer als ihr Vorbild, die amerikanische "Liberty Bell". Die Berliner Glocke wiegt rund 9,5 Tonnen und hat einen Durchmesser von 2,5 Metern.

Nun musste sie nur noch 70 Höhenmeter überwinden, um im Turm des Rathauses von Schöneberg montiert zu werden.

Das Rathaus, der umliegende Platz und die darauf zulaufenden Straßen waren der Ort vieler Kundgebungen und Veranstaltungen. Bereits am 12. Mai 1949 versammelten sich etwa 300.000 Berliner sowie wichtige Politiker der westdeutschen Politik zu einer Großkundgebung nach dem Ende der Berlin-Blockade, ebenso wie die West-Berliner hier den Opfern des 17. Juni 1953 gedachten. Am 17. Juni selbst standen auf dem Rathausplatz Gulaschkanonen; Ost-Berliner Protestierende, die in den amerikanischen Sektor Berlins gelangt waren, wurden vor das Rathaus geschafft und hier von zahlreichen herbeigeeilten West-Berlinern mit Lebensmitteln und Süßigkeiten ebenso versorgt, wie sie nach der Lage im Osten ausgefragt wurden.Langfristig am besten im Gedächtnis blieb der Staatsbesuch des US-Präsidenten John F. Kennedy. Dort hielt er am 26. Juni 1963 seine Rede mit dem berühmten Bekenntnis „Ich bin ein Berliner“. Zu seinen Ehren wurde der Rudolph-Wilde-Platz vor dem Rathaus drei Tage nach Kennedys Ermordung in John-F.-Kennedy-Platz umbenannt; bereits am Abend der Ermordung hatten sich einige Tausend Berliner zu einer spontanen Trauerfeier auf dem Platz versammelt.